Als der Junge sein fünfzehntes Lebensjahr erreicht hatte, befand
Sanfter Wolf, dass er nun genügend gestählt sei, einen Drei-Häute
Mantel zu tragen.
Gewöhnlich erfolgte die Herstellung eines Kleidungsstückes aus
Fell oder Leder nach den Gesetzen der „Hautvermählung“.
Eine männliche Haut musste immer mit einer weiblichen gepaart werden.
Zu diesem Behufe gerbte man beide Leder gemeinsam, dann hing man sie Seite
an Seite mehrere Tage zum Trocknen auf, und erst nach dieser Verlobungszeit
durfte man sie mit der geweihten Nadel und dem geweihten Faden zusammennähen.
Auf dass die Verbindung eine glückliche werde, sang man während
der gesamten Zeremonie des Nähens, dabei lobte und pries man ihre
Schönheit. War ein Kleidungsstück gelungen, so hiessen es die
Bailabaikal „gut verheiratet“. Der Mantel eines Schamanen
hingegen wurde nach anderen Gesetzen, nämlich aus der Haut von drei
frisch getöteten Tieren gefertigt: aus Salm-, Raben- und Fuchshaut.
Hier und da klebte noch rosa Fleisch daran und der Nerv, mit dem man die
Häute zusammennähte, war noch lebendig. Sie wurden derart grob
zusammengefügt, derart gewalttätig und grausam genäht,
dass sie leicht zerrissen oder auseinander gingen. Kaum hatte Drei-steinerne-Herzen
das monströse Kleidungsstück übergezogen, da begann er
auch schon wie ein Dämon zu tanzen. Der Mantel bog sich, bäumte
sich auf und schüttelte ihn mit einer ungeheuren, unkontrollierbaren
Kraft in alle Richtungen; mal warf er ihn in den Staub, mal erhob er ihn
in die Lüfte und nötigte seine armen Glieder zu den sonderbarsten
Verrenkungen von unbeschreiblicher Wildheit.
Jeder einzelne Geist, der in dem Mantel steckte, suchte seine Freiheit
wiederzuerlangen, und dies umso heftiger, als sie alle in diesem Mantelstück
an ihr Gegenteil gebunden waren. Das Fuchsfell sträubte sich vor
rasender Wut, die Salmhaut sprang über unsichtbare Flüsse, während
die Rabenflügel gleich schwarzen Blitzen voller Zorn die Luft schlugen.
Einen
ganzen Tag und eine ganze Nacht lang kämpfte der junge Schamane dergestalt;
dann, im Morgengrauen des folgenden Tages, sank er zu Boden, über
und über zerkratzt und zerbissen, glühend und sich schüttelnd
im Fieber. Seine Seele war zerrissen, es schien, als habe sie sich aus
seinem armseligen Körper gelöst. Tag für Tag und unter
grössten Gefahren legte er nun den Mantel an, und es währte
Jahre, bis er diesen all morgendlichen Kampf nicht mehr voller Angst unternahm.
In der Zwischenzeit wuchsen seine Kräfte und er wurde Herr über
sein Schicksal. Denn ihm, der mit zwei verschiedenen Augen zur Welt gekommen
war, oblag es, die Gegensätze zu zähmen und das empfindliche
System zwischen menschlicher und tierischer Ordnung im Gleichgewicht zu
halten.
